Öffentlicher Gesprächsabend „Religion und offene Gesellschaft“

Unter dem Titel „Religion und offene Gesellschaft“ diskutierten die Gäste des Abends Bettina Jarasch, Bundesvorstand Bündnis90/Grüne und Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken sowie Pfarrer Hartmut Scheel, Kreispfarrer zur besonderen Verfügung im Kirchenkreis Lichtenberg Oberspree mit Stefan Ziller, Abgeordneter für Marzahn-Hellersdorf am 17. .Juli 2017 im Stadtteilzentrum Biesdorf mit vielen interessierten Gästen.

Unter der einleitenden Fragestellung: Welche Aufgaben hat die Kirche in Zukunft und wie wollen wir als Gesellschaft zukünftig zusammenleben? Was tut die Kirche für Nichtmitglieder und welches zivilgesellschaftliche Engagement haben Menschen außerhalb der Kirche; begann sogleich eine engagierte Diskussion. Wichtig in diesen Fragen sei es, so betonte Stefan Ziller zu Beginn, welche Bedeutung der „Konfessionslose Berliner Osten“ dabei habe und welche Aufgaben sich daraus für den Bezirk Marzahn-Hellersdorf entwickelten.

So vielfältig die Berührungspunkte dieser Fragen waren, so vielfältig waren auch die Diskussionen des Abends. Diese reichten über gesellschaftliche Gegenwartsdiagnosen, die Motivation zu zivilgesellschaftlichem Engagement, den Grund für eine Distanzierung von politischen Parteien und/oder Kirche bis hin zu Fragen der Kirchensteuer und der Realisierung von islamischen Fakultäten in Berlin.

Die Kommission „Weltanschauungen, Religionsgemeinschaften und Staat“

Aufschlussreich war zunächst der Bericht der Kommission von Bündnis90/Die Grünen zum Thema „Weltanschauungen, Religionsgemeinschaften und Staat“. Bettina Jarasch war Vorsitzende der Kommission, die zwischen 2013 und 2016 bestand. Die Kommission berührte ebenso viele der oben genannten Fragen: Zentrale Aufgabe der Kommission war es, das Verhältnis von Staat und Religion in Deutschland kritisch-konstruktiv unter die Lupe zu nehmen.

Aus diesem ging schließlich der Beschluss „Religions- und Weltanschauungsfreiheit in der offenen Gesellschaft“ hervor, dem der Parteitag auf der Bundesdelegiertenkonferenz im November 2016 zustimmte. Insofern, so Jarasch solle der Kommissionsbericht die Grundlage bilden, um Zusammenleben zu gestalten. Als Ausgangslage der Kommissionsarbeit verwies Jarasch auf zwei Phänomene:

1. eine wachsende Vielfalt der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften

2. eine Entkirchlichung und Säkularisierung bzw. den Wunsch keiner Form von Vereinigung angehören zu wollen.

Diese Phänomene korrespondieren zugleich mit der rechtlichen Grundlage für das Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland: zum einen das Religionsverfassungsrecht sowie zweitens das Recht der Religionsfreiheit, das je individuell gestaltet werden kann.

Zu den Aufgaben von Kirche heute

Das Verhältnis von Religion und Staat und das zivilgesellschaftliche Zusammenleben sind Themen mit Tradition bei Bündnis 90/ Die Grünen. Diese betonen eine starke Zivilgesellschaft durch starke Verbände, NGO‘s und Initiativen, welche einen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt leisten sollen.

Was aber sind dann die Aufgaben der Kirche heute? Jarasch betonte einen, gerade im Hinblick auf die Zivilgesellschaft, interessanten Aspekt. Durch die kooperative Trennung von Staat und Kirche bestehe Religion im öffentlichen Raum. Dies verweise darauf, dass Religion sich in diesem säkularen Raum behaupten muss. Sie muss ihre Glaubensinhalte und -lehren diskutieren und hinterfragen lassen und somit anschlussfähig bleiben, um sich den Fragen der Menschen zu stellen. Der öffentlich geführte Diskurs habe somit eine zivilisierende Wirkung auf Religion, so Jarasch. Dies sei auch im Bezug auf Extremismus von Religion, sowohl im Islam als auch im evangelischen Christentum von Bedeutung. Zugleich sei im Hinblick auf religiöse Vielfalt für diesen öffentlichen Raum ein Gleichbehandlungsrecht besonders im Bezug auf den Islam dringend erforderlich. So dürfe bspw. der HVD, der humanistische Verband Deutschland als Weltanschauungsgemeinschaft Ethikunterricht an Schulen erteilen.

Ein weiteres Thema des Abend war daher auch die islamische Fakultät in Gründung. Der Berliner Senat sehe darin eine Möglichkeit einen Islam zu fördern, der kompatibel sei mit den demokratischen Werten, so Jarasch. Da der Staat aber keine Vorgaben machen kann, übernehme der Islamische Beirat diese Rolle. Der Wissenschaftssenat habe dies daher an die Humboldt Universität abgegeben. Religionsfreiheit ist die Grundlage auf der alles aufgebaut wird, dennoch ist die Frage danach welcher Islam vertreten sein soll bedeutend. Konservative und Liberale müssten daher gleichermaßen im Islamischen Beirat vertreten sein, betonte Jarasch.

Zivilgesellschaft im Bezirk

Zum zivilgesellschaftlichen Engagement, waren besonders im Hinblick auf den Bezirk die Ergebnisse die Pfarrer Scheel im folgenden Gespräch beschrieb aufschlussreich. Scheel ist seit knapp einem Jahr als Kreispfarrer dafür zuständig, für der Kirche Fernstehende Konzepte zu entwickeln, wie Kirche auf sie zugehen kann. Den Hintergrund seiner Arbeit bildet die vom Kirchenkreis in Auftrag gegebene Studie „Werthaltungen und Lebensorientierungen von Konfessionslosen“ des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Befragung der Studie konzentrierte sich auf den Kirchenkreis Marzahn-Hellersdorf, Köpenick, Treptow, Lichtenberg und Schöneiche – und spiegelt damit ein gutes Bild des Bezirks.

Ein Ergebnis, so Scheel, sei die auffallend geringe Zahl von Engagierten. 36 % des Bundesdurchschnitts ab 18 Jahren engagieren sich im Sport, zivilgesellschaftlichen Institutionen oder Kirchen, aber nur 16 % der Jugendlichen im befragten Gebiet. Dazu steht beinahe im Gegensatz, dass bei der Frage nach ihrer Motivation, ob sie sich engagieren würden, 36 % in der Befragung der Bezirke angaben, sie seien dazu bereit. Als Gründe für ihr bereits bestehendes oder zukünftiges Engagement nannten die Befragten, sie wollten sich mit dem eigenen Können einbringen oder etwas für Andere tun. Gründe der Ich-Darstellung rangierten dagegen ganz hinten.

Auf die Frage des Publikum zur Distanz zur Kirche und ob dies ein Grund für mangelndes Engagement sei antwortete Scheel, zivilgesellschaftliche Institutionen haben oft eine kirchliche Basis. Diese spiele aber in der täglichen Arbeit keine Rolle mehr. Die Kirche, so Scheel, sei nur eine Form von vielen für gesellschaftliches Engagement.

Parteien und politische Arbeit in und mit den Kirchen

Scheel stellte fest, das Engagierte in der Gemeinde im Osten häufig auch in Parteien engagiert seien. Stefan Ziller bestätigte eine Parallele zu den Grünen in Marzahn-Hellersdorf, wo viele Mitglieder auch in der Gemeinde aktiv sind. Andererseits begegneten einem im Alltag oft Vorbehalte und Verachtung gegenüber sämtlichen etablierten Parteien.

Die Kirchentsteuer

Zu den kritischen Fragen aus dem Publikum zur Kirchensteuer antwortete Jarasch mit einem bedeutenden Aspekt: Durch mehr Vermögen entstehe auch mehr Einflussmöglichkeiten der Kirchen, eine Verarmung bedeute hingegen den Rückzug aus dem Gesellschaftlichen Leben. Weiterhin verwies Jarasch darauf, dass alle anerkannten Religionsgemeinschaften, die Körperschaft öffentlichen Rechts sind, Steuern erheben könnten. Diese würden es aber nicht tun, da es ihrem religiösen Grundsatz widerspreche. So sei bspw. der Zentralrat der Juden als ein politisches Organ anzusehen. Andere Religionsgemeinschaften wollen selbst den Körperschaftsstatus nicht, wie bspw. Buddhisten. Diese würden aber von sich aus durchaus entscheidende Beiträge zur Gesellschaft leisten können, wie z.B. zur Friedenspolitik.

Beitrag der Kirchen zur Sinnsuche der Gesellschaft

Stefan Ziller skizzierte letztlich nochmals Folgen und Konsequenzen durch erlebte Vielfalt im Bezirk. Vielen Menschen würde der Zusammenhalt fehlen, es sei für viele auch kein familiärer Zusammenhalt mehr erkennbar. Wie kann dieser Sinnsuche der Gesellschaft begegnet werden? Wie kann Kirche dabei als zivilgesellschaftliche Institution gestärkt werden?

Im Hinblick auf Fragen aus dem Publikum welche Rolle das Christentum dabei einnehme, antwortete Jarasch, die Neutralität des Staates sei unsere Basis. Religion sei Gemeinschaftsaufgabe: Christliche Werte können bereichern, es dürfe aber kein Wertemonopol für Christen geben.

Scheel bestätigte diese Ansicht, der Staat sei neutral, müsse aber Interesse daran haben, dass es Gruppen gibt, die nach dem „Warum“ des gesellschaftlichen Zusammenlebens fragen. In der Sinnsuche der Gesellschaft bestehe der Beitrag der Kirchen zur offenen Gesellschaft darin materielle Armut, seelische und geistige Armut zu verhindern. Aufgabe der Kirchen sei es niederschwellige Angebote auch für Nichtmitglieder zu erhalten und zu fördern. Die Kirche müsse für Menschen die Fragen haben ein Ort sein und sich als Ort des Lebens sowie des geistliches Leben zeigen.

Ein ermutigender Ausblick am Ende eines intensiven Diskussionsabend.

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